Entlernen – zwar einfach, aber nicht leicht

Learning and unlearning by Dmitry Ratushny on Unsplash

Es gibt leider nicht nur gute Gewohnheiten

Bekanntermassen lernen die meisten Menschen am besten durch «Learning by doing» sowie durch «Versuch und Irrtum». Das Sprichwort «Übung macht den Meister» trifft den Kern des Erlernens von Fähigkeiten und Fertigkeiten aber auch von Gewohnheiten, und zwar sowohl für gute wie für schlechte.
 

Dabei sind viele Gewohnheiten nützlich und in der Form von Routinen für die Bewältigung des Alltags teilweise auch notwendig. Allerdings können sich einige der Gewohnheiten als schlechte entpuppen, etwa weil sie der Gesundheit schaden. Und es gibt solche, die massenhaft gelebt der Umwelt schaden. Umweltschutz, der Schäden aus gewohnheitsmässigem Verhalten mindern will, bedeutet somit im Prinzip angenommene Verhaltensweisen zu entlernen, d.h. sie aufzugeben oder umweltfreundliche einzuüben: «Unlearning-by-doing-eine-neue-Gewohnheit» sozusagen. Solches als Ent- bzw. Umlernen ist zwar unspektakulär und für den «Real Change» nötig, aber fast nicht zu schaffen. Denn: «Old habits die hard», wie es treffend heisst. Dass «Verhaltensänderungs-Lernen» trotzdem gehen kann, zeigen Dan und Chip Heath in ihrem Buch «SWITCH» (1). Sie haben fünfzig Fälle realer Veränderungen in zwanzig Ländern untersucht und daraus ein Modell aus drei Elementen abgeleitet, das solchen Umlernprozessen unterliegt:

  1. The Rider (das analytische Selbst, die Kognition): Er oder sie braucht Vorgaben und hat ein Ziel.
  2. The Elephant (der biographische Rucksack): Die eigene Trägheit verhindert Änderung. Es sei denn, man könne dem inneren Elefanten glaubhaft machen, dass das erste Stück Weg kinderleicht zu bewältigen ist. Schwenkt er einmal auf den neuen Kurs ein, rückt er nicht so schnell wieder davon ab.
  3. The Path (der Weg zum Ziel): Weil jede Gewohnheitsänderung viel Trägheit zu überwinden hat, muss der Weg zum Ziel in kleine Schritte unterteilt werden, so dass vor allem das erste Wegstück bewältigbar scheint.

 

Fazit: Ein vorgeschlagener Lösungsweg muss dem Reiter zwar einleuchten, aber vor allem dem Elefanten als «gefühlt machbar» erscheinen. Veränderung beginnt deshalb eher mit einem Gefühl, denn mit einer kognitiven Faktenerfassung.

 

Veranschaulicht am einfachen Beispiel «Wohnung aufräumen wollen (und das nie schaffen)» sieht das Modell so aus: Das Ziel leuchtet ein, weil es dem eigenen Bedürfnis entspricht. Also stellt sich die Frage, wie man seinen «Antiputz-Elefanten» in Bewegung bringt: Den als lang empfundenen Weg in machbare Schritte zerlegen. Dafür macht man z.B. mit sich ab, jeden Tag fünf Minuten aufzuräumen. Nicht mehr! Diese quantité négligeable lässt den Elefanten glauben, das zu schaffen – und er macht’s. Und er freut sich mit der Zeit, dem Ziel näher zu kommen. Die Dosis kann in der Folge ggf. erhöht werden. Diese Methode ist bekannt als «5-Minutes Therapy» und kann auf andere Bereiche übertragen werden (und für eine «Neue-Gewohnheitsroutine» siehe Kasten).

 

Zweites Beispiel: Ein britischer Entwicklungshelfer bekam vom vietnamesischen Aussenministerium den Auftrag, die verbreitete Fehlernährung unter Kinder zu bekämpfen. Es beschied ihm, er habe sechs Monate Zeit «to make a difference».

 

Er ging in ein Dorf, in dem seine Organisation tätig war, wandte sich an die Mütter und fragte sie, ob es in ihrem Dorf gesunde Kinder gäbe oder ob alle krank seien. Es gab in der Tat einige gesunde Kinder. Seine Strategie war nicht die übliche «to anlayse the problem and to fix it», sondern die hellen Flecken im Dunkeln – «the bright spots» – näher anzuschauen. Also fragte er sich, was die Familien mit gesunden Kindern anders machen als jene mit kranken. Er fand heraus, dass diese Kinder vier statt nur zwei Mal am Tag assen, zwar die gleiche Menge aber in kleineren verträglichen Portionen. Zudem fügten sie dem Reis protein- und vitaminhaltige Garnelen und Süsskartoffelgrün bei. Statt wie üblicherweise nun einen Kurs zu organisieren, mit dem ein Wissender den Unwissenden richtig zu kochen beizubringen versuchen würde, engagierte er «Bright-Spot-Mütter», die mit Müttern kranker Kindern zusammen kochten und ihnen zeigten, wie sie es machen. So wurde mit «was meinesgleichen kann, kann ich auch» diesen Müttern ein machbarer erster Schritt gezeigt und damit der Weg zur Verhaltensänderung geebnet. Sechs Monate nach dem ersten Besuch des Entwicklungshelfers waren 65% der kranken Kinder im Dorf besser ernährt (siehe ganze Story «Look for the bright spot and copy it»).

 

Noch ein drittes Beispiel aus dem Buch «Switch»: Eine Forscherin untersuchte, wie es Dompteure schaffen, Affen dazu zu bringen, die ihnen nicht gegebene Fähigkeit «Skateboardfahren» zu lernen. Resultat: Mittels konsequenter Belohnungsstrategie, das heisst, jeder Schritt in die richtige Richtung wurde mit einer Mango belohnt, falsches Tun einfach ignoriert. Die Forscherin testete diese Erkenntnis an ihrem Mann: Statt ihn wegen seines ungenügenden Sockenmanagements zu kritisieren und zu belehren, lobte sie ihn nur noch für jedes Anzeichen guten Verhaltens. Nach kurzer Zeit war der jahrelange Kampf vorbei. Der Mann bekam seine Socken in den Griff.

 

Bei aller Vorsicht damit, aus tierischem Verhalten Schlüsse auf den Menschen zu ziehen, gehen modernes Coaching und Leadership in eben diese Richtung: Ressourcenförderung statt Problemorientierung. Also anstatt Untergebene oder Kolleg*innen bei Fehlverhalten zu tadeln, sie bei guten Taten zu «ertappen» und darin zu bestärken.

 

PS: Es gibt übrigens noch ein ähnliches Modell für «Verhaltensänderungs-Lernen», das der Psychologe Matthias Hammer entwickelt hat. Er nennt es MICRO-Habits (2), das aus fünf Schritten besteht: Merken – Intention finden – Complicationen managen – Routine aufbauen – Ohne Vorwurf. Die ersten zwei Schritte entsprechen dem „Rider“, im dritten Schritt lässt sich der Path erkennen und der vierte ist dem Elefanten ähnlich. Ohne Vorwurf sich selbst ein guter Coach sein erlaubt auch mal einen Rückfall. Hammer meint, dass mit diesen fünf Schritten jede*r schädliches Verhalten zum Positiven verändern und damit umlernen kann.

 

Zwei-Minuten-Arbeitsstart in der Pandemie & Co

Wie etwas Optimismus in den Arbeitstag bringen? Hier eine zweiminütige Übung, die jeden Morgen vor Arbeitsbeginn gemacht werden kann.  

Auf Papier oder im Kopf eine Antwort auf jeden der drei Sätze formulieren:

  1. Heute werde ich mich auf _____ konzentrieren.
  2. Heute bin ich dankbar für _____.
  3. Heute werde ich _____ loslassen (bzw. sein lassen).

Im Schnitt sind wir 1’000 Minuten pro Tag wach. Zwei davon investieren, um unser Gehirn auf positiv zu «framen», verbessert die Qualität der anderen 998 Minuten. (Quelle:«This Two-Minute Morning Practice Will Make Your Day Better», by Neil Pasricha)

 

(1) Chip und Dan Heath: «Switch: Veränderungen wagen und dadurch gewinnen!», Scherz Verlag (2011), siehe Besprechung hier.
(2) Matthias Hammer: «Micro Habits – Wie Sie schädliche Gewohnheiten stoppen und gute etablieren», mvg verlag (2019), mehr dazu hier.

Kuno Roth

Unser Autor

Arbeitet als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz. 

Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Humanökologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Veröffentlichungen sind «Im Rosten viel Neues» (Gedichte, 2016) sowie «Aussicht von der Einsicht» (Aphorismen, 2018). Sein neuestes Buch ‹KL!MA VISTA – Die Schneefallgrenze steigt› Gedichte und Aphorismen ist am 23.10.2020 bei Pro Lyrica erschienen.

Kuno Roth