Democracy Dies in Darkness – Warum wir in der Schweiz das Licht nicht selbst ausdrehen dürfen

Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Greenpeace Aktivist, an jene Nächte auf den Weltmeeren, als wir versuchten, Atommülltransporte zu stoppen (und dabei auch mal gerammt wurden). Damals wie heute wusste ich: Ohne die Scheinwerfer der Medien findet unser Kampf in der Dunkelheit statt. Wenn keine Kamera läuft und keine Journalistin kritische Fragen stellt, haben die Mächtigen leichtes Spiel. Das Motto der Washington Post, «Democracy Dies in Darkness», war für mich nie nur ein Marketing-Gag, sondern eine Arbeitsgrundlage für uns als Campaigner.

Doch diese Scheinwerfer flackern gerade gewaltig – und zwar nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in der Schweiz. Wenn wir uns die aktuelle Entwicklung der Washington Post unter Jeff Bezos ansehen und sie mit der kommenden SRG-Halbierungsinitiative am 8. März 2026 vergleichen, müssen wir uns fragen: Sind wir gerade dabei, die mediale Infrastruktur unserer Demokratie mutwillig zu zertrümmern?

Das Lehrstück Washington Post: Wenn die Vierte Gewalt zum Spielball wird

Die Transformation der Washington Post ist ein strategisches Warnsignal. 2013 kaufte Jeff Bezos das Blatt und versprach, die redaktionelle Unabhängigkeit zu wahren. Doch 2024 fiel die Maske. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten blockierte Bezos eine Wahlempfehlung für die Präsidentschaftswahlen.

Experten wie Timothy Snyder nennen das «vorauseilenden Gehorsam» (anticipatory obedience). Bezos hat massive wirtschaftliche Interessen an Regierungsaufträgen für Amazon und sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Indem er die Zeitung anwies, keine klare Kante gegen autoritäre Tendenzen zu zeigen, hat er die journalistische Integrität seinen Geschäftsinteressen geopfert. Die Folgen waren verheerend:

  • Vertrauensverlust: Über 250.000 Abonnenten kündigten innerhalb kürzester Zeit – das sind 10 % der digitalen Basis. Ich gehörte während der ersten Trump- Präsidentschaft auch selber noch dazu, später auch zu denen die gekündigt haben.
  • Struktureller Abbau: Ein Drittel der Belegschaft wurde diese Woche entlassen, Auslandsbüros wurden geschlossen.
  • Ideologische Einengung: Die Meinungsseite wurde angewiesen, primär «persönliche Freiheiten» und «freie Märkte» zu unterstützen.

Der ehemalige Chefredakteur Martin Baron brachte es auf den Punkt: Er sei «angewidert» von dieser Entwicklung. Wenn Medien nur noch die Ideologie ihrer Besitzer oder die Interessen von Milliardären spiegeln, verlieren sie ihre Funktion als Kontrollinstanz der Mächtigen.

Die Schweiz am Scheideweg: Die «200 Franken sind genug!»-Falle

Was hat das mit uns zu tun? In der Schweiz haben wir (noch) keinen Jeff Bezos, der die SRG kauft. Aber wir haben eine politische Bewegung, die ein ähnliches Ziel verfolgt: die Schwächung einer unabhängigen medialen Infrastruktur.

Die Halbierungsinitiative will die Gebühren von 335 auf 200 Franken senken. Auf den ersten Blick klingt das nach einer netten Ersparnis. Doch als StrategInnen müssen wir tiefer blicken. Die SVP folgt hier einem Plan, den rechtspopulistische Parteien in Ungarn oder Polen bereits erfolgreich angewendet haben: Erst wird die finanzielle Basis entzogen, dann wird die Redaktion auf Linie gebracht. Thomas Matter (SVP) gab bereits offen zu, dass es darum geht, eine aus seiner Sicht «tendenziöse Berichterstattung» zu stoppen.

Wenn die Initiative am 8. März 2026 angenommen wird, drohen der Schweiz massive Konsequenzen:

  1. Massiver Kapazitätsverlust: Die SRG würde gegen die Hälfte ihres Budgets verlieren, was den Abbau von vielleicht 3.000 Stellen zur Folge hätte.
  2. Abbau der regionalen Vielfalt: Redaktionen in den Sprachregionen müssten schliessen. Gerade die Minderheiten in der Romandie und der italienischen Schweiz sind auf den solidarischen Finanzausgleich angewiesen.
  3. Digitaler Suizid: Die Initiative will der SRG verbieten, Online-News anzubieten, die nicht an Sendungen gekoppelt sind. In einer Welt, in der sich die Jungen fast nur noch digital informieren, bedeutet das die schleichende Bedeutungslosigkeit des Service Public.

Warum uns das als Campaigner und NPO-Führungskräfte brennend interessieren muss

Vielleicht denkst du: «Ich arbeite für eine Umweltorganisation, was kümmert mich die Medienpolitik?» Ich sage dir: Es muss dich kümmern.

Unsere Arbeit basiert auf einer gemeinsamen Faktenbasis. Wir brauchen Medien, die komplexe politische Vorlagen einordnen. Das Jahrbuch Qualität der Medien 2025 zeigt ein erschreckendes Bild: Bereits 46,4 % der Schweizer Bevölkerung gehören zu den «News-Deprivierten». Das sind Menschen, die kaum noch journalistische Nachrichten konsumieren.

Diese Gruppe hat nachweislich ein geringeres politisches Wissen und ein tieferes Vertrauen in demokratische Institutionen. Wenn wir die SRG schwächen, treiben wir noch mehr Menschen in die algorithmisch gesteuerten Filterblasen der sozialen Medien. Dort zählen nicht Fakten, sondern Emotionen und Desinformation. Für uns als NPOs wird es dann fast unmöglich, mit sachlichen Argumenten Gehör zu finden.

Was es in der Schweiz zu vermeiden gilt: Drei strategische Lektionen

Vom Fall der Washington Post können wir drei Fehler ableiten, die wir in der Schweiz unbedingt vermeiden müssen:

1. Den Marktglauben über den demokratischen Auftrag stellen

In den USA sieht man, wohin ein rein marktgetriebenes System führt: Es entstehen «News Deserts», und die verbleibenden Titel werden zu Spielballen von OligarchInnen. Wir dürfen nicht glauben, dass private Anbieter die Lücke füllen werden. In einem kleinen, viersprachigen Markt ist qualitativer Informationsjournalismus schlicht nicht profitabel genug.

2. Die Unabhängigkeit durch finanziellen Erstickungstod opfern 

Vorauseilender Gehorsam entsteht dort, wo Existenzangst herrscht. Wenn Redaktionen ständig um ihr Budget bangen müssen, sinkt der Mut zur kritischen Berichterstattung. Die SRG muss finanziell so ausgestattet sein, dass sie es sich leisten kann, den Mächtigen auf die Finger zu schauen – ohne Angst vor der nächsten Kürzungsrunde.

3. Den Anschluss an die digitale Realität verlieren 

Die SRG-Initiative will den Service Public im digitalen Raum kastrieren. Das ist strategischer Wahnsinn. Wir müssen sicherstellen, dass qualitativ hochwertige Informationen dort sind, wo die Menschen sind: auf dem Smartphone. Wer der SRG das Online-Mandat entzieht, überlässt die Deutungshoheit über unsere Demokratie den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley.

Fazit: Kampagne für die Wahrheit

Die Abstimmung im März 2026 ist keine blosse Gebührendebatte. Es ist eine Richtungsentscheidung über die informationelle Sicherheit der Schweiz. Wenn die Scheinwerfer des Service Public erlöschen, stirbt auch ein Stück unserer direkten Demokratie.

Wir beim Kampagnenforum wissen, wie man Aufmerksamkeit generiert und Mobilisierung betreibt. Wir wissen aber auch, dass ein medialer Service Public die Grundvoraussetzungen schützt, die Campaigning überhaupt erst möglich machen. Wer die Demokratie schützen will, muss ihre Informationsträger schützen.

Lass uns verhindern, dass die Schweiz ihr eigenes «Darkness»-Szenario erlebt. Wir brauchen ein starkes, unabhängiges Mediensystem – heute mehr denn je.

Andreas Freimüller