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Die Schweiz als Unikat – das Tao der Schweiz

20 Nov 17
Ingrid Isermann

Der Sinologe Harro von Senger zeichnet mittels «Tao-te-king»-Zitaten ein überraschendes Bild der Schweiz, um das eurozentrische Schubladendenken zu überwinden. Dabei nimmt er Facts & Figures zur Schweiz kritisch unter die Lupe und findet manche Gemeinsamkeiten mit dem Tao-Prinzip der chinesischen Strategeme.

Autorin: Ingrid Isermann, veröffentlich im Magazin Literatur & Kunst

Das lesenswerte Buch enthält viel Wissenswertes über die Regeln des Taoismus, die in den täglichen Alltag eingreifen und man entdeckt überraschende Denkstrukturen zur Schweiz. Im uralten chinesischen Weisheitsbuch «Tao-te-king» von Laotse, über 1000 Jahre vor dem Rütlischwur verfasst, erkennt der Sinologe Harro von Senger überraschende Parallelen zur heutigen Schweiz. Aussagen aus dem chinesischen Werk verwebt er mit zahlreichen sorgfältig dokumentierten Fakten zu einem anregenden Gedankenmosaik und zeigt so die Schweiz in einem verblüffenden neuen Licht.

Die Schweiz in anderer Perspektive

Harro von Senger möchte die Leserinnen und Leser auf noch nicht ausgetretene Gedankenpfade führen und die Schweiz in einem neuen Rahmen präsentieren. Der ist wahrlich ungewöhnlich, nicht jeder und jede hat sich schon mit dem «Tao-te-king» beschäftigt oder eine Ahnung davon, was das bedeutet. Die Schweiz in anderer Perspektive von der anderen Seite der Erdkugel und die Weisheiten von Laotse und dem Taoismus auf die Schweiz anzuwenden, entwickelt einen ungeahnten Reiz.
 
Laotse soll ein Zeitgenosse von Konfuzius (551-479 v. Chr.) gewesen sein, historischen Aufzeichnungen zufolge suchte Konfuzius einmal Laotse auf, um von ihm zu lernen. Damals soll Laotse als Archivar am Hof der Zhou-Dynastie (etwa 11 Jh. bis 221 v. Chr.) gedient haben. Als er den Niedergang der Zhou-Dynastie erkannte, zog er sich aus dem öffentlichen Dasein zurück und ritt auf einem Büffel gen Westen. Er wurde von einem Beamten aufgehalten, der ihn bat, seine Lehre aufzuzeichnen, worauf Laotse einen Text von über 5000 Schriftzeichen niederschrieb, dem Beamten übergab und verschwand. Der Text trug den Titel «Tao-te-king».
 
Worin besteht nun die Lehre Laotses und was hat sie mit der Schweiz zu tun? Der Schweiz wird von Kritikern oft vorgeworfen, eine «rückständige Berglerrepublik» zu sein, mit «Schweizer Engstirnigkeit und Kleingeisterei», die «aussenpolitisch isoliert» ist sowie eine «Abwehrhaltung gegen aussen» demonstriert.

Wie reagiert Harro von Senger auf diese Kritik? Da kommt Laotse ins Spiel, mit Zitaten zu entsprechenden Kapiteln, über Handlungsweisen, die auch weise sein können, wie zum Beispiel das Nichthandeln.
 
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist stark.

(Tao-te-king, Abschnitt 33)
 
Wer gut die Menschen einzusetzen weiss,
der hält sich unten.

(Tao-te-king, Abschnitt 68)
 
Die Schweiz, so Harro von Senger, die «noch nie einen Gestaltungsanspruch» gehabt habe, hält sich vielfach mit Kommentaren zurück, denn jedes Werturteil über andere bedeutet, dass man sich gewissermassen zum Richter aufspielt, also sich über die Beurteilten stellt. Diese Zurückhaltung würden manche als Feigheit kritisieren. Aber sie habe bisweilen dazu beigetragen, dass die Schweiz angenehmer auffiel als manche den Zeigefinger erhebende «Führernation».
 
Wer gut zu führen weiss,
ist nicht kriegerisch.

(Tao-te-king, Abschnitt 68)
 

Ruhe und Frieden

Ruhe und Frieden sind für Laotse das Höchste. Kriege muss man vermeiden, ehe sie beginnen – nicht durch Rüstung, sondern durch die Beseitigung der Ursachen eines möglichen Kriegs. Krieg ist laut Laotse abhängig allein als Abwehr eines feindlichen Angriffs.
 
Nach dieser Maxime unterhielt die Schweiz seit ihrem Entscheid, sich von jeder Machtpolitik fernzuhalten, nur eine Armee zum Zweck der Selbstverteidigung. Schweizerische Waffenexporte sind aus wirtschaftlichen Gründen – zur Wahrung der eigenständigen Rüstungs-Industrie wohl leider notwendig -, sollten aber unter strikter Kontrolle gehalten werden. Nun wurde die Schweizer Armee, deren Luftwaffe nur während der Bürozeit einsatzbereit ist (…), seit Napoleon, also seit über 200 Jahren nie zu einem grenzüberschreitenden Eroberungskrieg eingesetzt, weder in Planspielen der offiziellen Schweizer Militärführung noch in der Realität.
 
Die Bewohner des kleinen Landes, von dem Laotse träumt:
(…) finden die Speisen süss
die Kleidung schön,
die Hütten bequem,
die Sitten fröhlich

(Tao-te-king, Abschnitt 80)
 
Im Sozialen Fortschrittsindex 2016 befindet sich die Schweiz an fünfter Stelle. Die Schweiz hat es geschafft, eine hochkompetitive Exportwirtschaft aufzubauen, ohne die unteren Lohnklassen ins Prekariat abzudrängen. Die Schweiz ist flächenmässig nur auf dem 133. Rang, aber auf der Liste der wirtschaftsstärksten Länder auf Rang 20 von 190. Im internationalen Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit rangiert die Schweiz hinter Hongkong auf dem zweiten Platz und überholt damit die USA, die nach drei Jahren an der Spitze zurückgefallen sind. In der Liste der attraktivsten Investitionsziele 2016 ist die Schweiz von Rang 14 auf Rang 11 vorgerückt. Zu dieser Stellung trägt ein Bild von der Schweiz bei, das «auf Seriösität, Verlässlichkeit, Stabilität, Berechenbarkeit, sowie einer gewissen Langweiligkeit beruht». In keinem Land der Welt ist die Dichte der Institutionen und Marken mit internationaler Strahlkraft so hoch wie in der Schweiz. Im Korruptionswahrnehmungs-Index stand die Schweiz 2015 an 7. Stelle vor Deutschland (10. Stelle), den USA (16. Stelle) und Frankreich (23. Stelle). Die Absolventen der US-Colleges treten mit Schulden von oft 100.000 $ ins Berufsleben, hierzulande sind Mittelschulen, Berufsschulen kostenlos. Die Einrichtungen Bildung und Gesundheit sichern das Leben im Alltag auf einmalige Weise. Dafür reuen die Steuern auch nicht, deshalb hinterziehen die Bürger weniger als anderswo.
 
Die zehntausend Wesen
tragen das dunkle Yin auf dem Rücken,
das lichte Yang in ihren Armen.
Und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie.

(Tao-te-king, Abschnitt 42)
 

Yin und Yang

Mit Yin und Yang wurden alle möglichen Gegensatzpaare assoziiert, im taoistischen Sinn des Zusammenwirkens von «sowohl weiss als auch schwarz». Auch Grau ist in der Tafel des höchsten Äussersten enthalten. In der Wirklichkeit befindet sich ja vieles nicht in greller Helle und tiefschwarzem Dunkel. Gar manches geschieht in einem Graubereich. Im schwarzen Feld befindet sich ein weisser und im weissen Feld ein schwarzer Kreis. Das symbolisiert den ewigen Wandel.
 
Die Dinge gehen bald voraus, bald folgen sie,
bald hauchen sie warm, bald blasen sie kalt,
bald sind sie stark, bald sind sie dünn,
bald schwimmen sie oben, bald stürzen sie.

(Tao-te-king, Abschnitt 29)
 
Da alle Gegensätze sich gegenseitig bedingen, ist mit der Setzung eines Pols sein Gegenteil notwendigerweise mit gesetzt. Zum Beispiel kann man nur dann als «schön» empfinden, wenn man auch eine Vorstellung davon hat, was «hässlich» ist. Beides ist voneinander abhängig.

Freiheit

Schon Churchill pries die Schweiz «als einen Hort von Freiheit und Glück». Nach wie vor zählt die Schweiz zu den freiesten Ländern der Welt.
 
Der Berufene
(…) verweilt im Wirken ohne Handeln.

(Tao-te-king, Abschnitt 2)
 
Der Berufene macht das Nichtmachen,
so kommt alles in Ordnung.

(Tao-te-king, Abschnitt 3)
 
(…) den Wert des Nicht-Handelns
erreichen nur wenige auf Erden.

(Tao-te-king, Abschnitt 43)
 
«Nicht handeln» dürfte bedeuten, nicht dem Tao zuwiderzuhandeln. Es ist das Wirkenlassen der schöpferischen Kräfte im und durch das eigene Ich, ohne selbst etwas von aussen her dazu tun zu wollen. Die Freiheit, die Selbständigkeit ist das Grundprinzip der Staatsordnung des Laotse. Die Leute gewähren lassen, machen lassen, sich nicht eimischen, nicht regieren, das ist das Höchste. Das Staatsgebilde funktioniert dann bestens, wenn man von seinem Räderwerk gar nichts bemerkt.
 
Herrscht ein ganz Grosser,
so weiss das Volk kaum, dass er da ist.

(Tao-te-king, Abschnitt 17)
 
«Die Werke werden vollbracht, die Arbeit wird getan, und die Leute denken alle: wir sind frei».
 
Das wichtigste Prinzip des Taoismus ist, Menschen und dem Planeten keinen Schaden zuzufügen und die Menschen nicht zu täuschen. Der staatliche Ordnungsrahmen, die administrativen Rahmenbedingungen sollen die «Eigenverantwortung» des Einzelnen mit kleinstem Regelungsaufwand gewährleisten und ihn nicht in überbordender Weise einengen und «mit Regeln einschnüren».
 
 
 

 

das Tao der Schweiz

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