von Peter M. Wettler

Das Präsidium der Schweizer Nationalbank war betriebsblind und hat es fahrlässig unterlassen, menschliche Seismografen einzusetzen, die das Ticken von Zeitbomben auf der nach oben offenen Skala der Aufgeregtheit erfassen und melden, dass die Wahrnehmungen der Innen- und der Aussenwelt zunehmend auseinander klaffen. Philipp Hildebrand und seine Getreuen müssen auch treuherzig angenommen haben, ein Krisenverlauf halte sich an Bürozeiten und Feiertage. Das ist ein fataler Irrtum.
Schweigen kann vornehm sein, aber auch als verzagtes Schuldeingeständnis gedeutet werden. Wer immer nur zugibt, was sich nicht länger bestreiten lässt, kann genauso gut Öl ins Feuer giessen. Die Nationalbank hat viel zu lange geschwiegen und kam sich wohl uneinnehmbar vor wie Fort Knox, wo die amerikanischen Goldreserven liegen. So hat sie schnell die Meinungsführung verloren. Das Drehbuch für die Skandalisierung schrieben andere, die Krise war programmiert.
 
Eine Front von Widersachern
Die Widersacher sind Christoph Blocher, Hermann Lei, ein vermeintlich ethisch handelnder und möglicherweise angestachelter Bankangestellter und «Weltwoche»-Redaktoren. Auch Staatsanwälte könnten es werden, wenn sie von Amtes wegen eingreifen
 – und so den Anstoss zu eilfertigen Vorverurteilungen geben. Möglicherweise gibt es bei der Nationalbank keine Schachspieler, die geübt sind, die Winkelzüge der Gegenspieler vorauszuahnen und so stets ein, zwei Nasenlängen voraus zu sein.
Ein Krisenstab auf Draht und Pikett muss in der Lage sein, aus Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen und vertrauensbildende Schritte zu machen. Grundsätzlich gilt: Sofort kommunizieren, was zweifelsfrei feststeht. Dabei kommt Schnelligkeit vor Vollständigkeit. Ein Schuss ins Knie war der zweifelhafte Versuch von Hildebrand, die Verantwortung für die Transaktionen seiner Frau in die Schuhe zu schieben.
Das Unheil hatte sich seit längerem angebahnt. Ein erstes Alarmzeichen war, als Politik und Medien bei der Nationalbank anmahnten, das Reglement über Eigengeschäfte sei öffentlich zu machen, und diese sich schlicht weigerte. Damit öffnete sie Gerüchten und Spekulationen Tür und Tor: Was gibt es zu verbergen, verheimlichen, verschweigen?
SVP-Chefideologe Blocher verlangte den Rücktritt des obersten Währungshüters, ursprünglich wegen Untätigkeit im Kampf gegen den starken Franken. Zähneknirschend musste er anerkennen, dass der Nationalbank der Herkulesakt mit dem Mindestkurs gelang. Doch Blocher ist Ungehorsam nicht gewohnt: Hildebrand muss seines Erachtens weg, auch um einen weiteren Gesichtsverlust zu verhindern. Um ihm das Genick zu brechen, wurden das Bankkundengeheimnis unter Krokodilstränen geopfert und Auszüge von Hildebrands Konto weitergereicht.
 
Handeln tut Not
Als das ruchbar wurde, handelte die Nationalbank mustergültig und setzte unabhängige Prüfungsorgane ein. Diese wuschen Hildebrand vom Vorwurf der Bereicherung rein. Das war kurz vor Heiligabend. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre es dem Präsidenten gut angestanden, Zerknirschung zu zeigen, das bislang unter Verschluss gehaltene Reglement hinzublättern, und klar zu sagen, dass er den ethisch nicht vertretbaren Währungsgewinn wohltätig spende und jegliche Nebengeschäfte fortan verbiete. Diese einmalige Chance wurde vertan. 13 weitere Tage lang verspielte der oberste Währungshüter mühsam aufgebautes Vertrauen.
Betriebsblind und gutgläubig erhoffte sich die Nationalbank vom Persilschein der Prüfer, nun sei endlich alles Ungemach abgewendet. Doch eine Krise lässt sich nicht wegschwatzen. Nur handeln belegt, dass der Vorfall ernst genommen wird.
Man merke: Betriebsblindheit ist zwar keine Krankheit, kann aber bösartige Geschwüre verursachen und im Extremfall sogar tödlich für Personen oder Institutionen enden. Wer arglos meint, es genüge, die Rechtmässigkeit des eigenen Tuns sicherzustellen, dem entgeht leicht, dass dieses selbstgefällige Handeln von Aussenstehenden als anrüchig empfunden werden kann. Und dass es Widersacher gibt, die die Empörung genüsslich schüren.
 
* Peter M. Wettler ist Kommunikationsberater der Kampagnenforum GmbH und Dozent für Krisenmanagement an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ).